Bannwald Hoher Ochsenkopf |© Charly Ebel (Nationalpark Schwarzwald)

Prozess- & Artenschutz

Naturschutz ist das, auf was es in einem Nationalpark in erster Linie ankommt – und dieser wird in einem Nationalpark auf einem Großteil der Fläche durch den sogenannten Prozessschutz umgesetzt. Dieser folgt dabei dem Gedanken „Natur Natur sein lassen“ und ermöglicht den natürlichen Prozessen möglichst viel Raum zur freien Entfaltung. Neben der vorrangigen Aufgabe des Prozessschutzes hat der Nationalpark aber auch die Aufgabe auf bestimmten Flächen besonders seltene und geschützte Arten oder Lebensräume zu erhalten oder teilweise sogar wiederherzustellen. Hier finden Sie alle Informationen zum Prozess- und Artenschutz im Nationalpark Schwarzwald sowie die wichtigsten naturschutzfachlichen Gründe, die für eine Erweiterung der Nationalparkfläche sprechen.

Sie haben Fragen zum Thema? Gern stehen wir Ihnen hier Rede und Antwort.

Nationalparke gibt es auf der ganzen Welt. Die Serengeti oder etwa der Yellowstone Nationalpark gehören zu den bekanntesten Vertretern dieser Schutzform. Der Begriff des Nationalparks ist von der Internationalen Union zum Schutz der Natur (IUCN) geprägt. Laut dieser weltweit anerkannten Definition werden in Nationalparken möglichst große Flächen der Natur übergeben, um hier – getreu dem Motto der Nationalparke in Deutschland – „Natur Natur sein zu lassen“. In den meisten deutschen Nationalparken darf sich daher die Natur auf einem Großteil der Fläche nach ihren eigenen Gesetzen entwickeln – weitgehend ohne menschliche Eingriffe.

Im Nationalpark Schwarzwald bekommt die Natur den notwendigen Raum, um ihre eigene, kraftvolle Dynamik zu entfalten. Hier greift die menschliche Hand weitgehend nicht mehr in die Entwicklung des Waldes ein. Es entstehen dadurch wilde Waldstrukturen. Diese Art von Naturschutz wird Prozessschutz genannt, weil nicht einzelne Arten, sondern die Prozesse der Natur in ihrer Gesamtheit geschützt werden. In der menschlichen Wahrnehmung richtet ein Sturm wie der Orkan Lothar oder der Borkenkäfer immense Schäden an. Im Sinne des Prozessschutzes ist aber ein solches Ereignis alles andere als katastrophal: es ist genauso Teil der natürlichen Prozesse wie der Wechsel der Jahreszeiten. Denn durch die vermeintliche Zerstörung entsteht in der Natur wieder wichtiger Raum für neues Leben. Ebenso dürfen hier große Wildtiere wie Hirsch, Wolf und Luchs ungestört leben und die Waldentwicklung beeinflussen.

Durch den Prozessschutz entstehen für viele Arten ganz neue Lebensräume, die sie so in der normalen Landschaft nicht finden. Der seltene Dreizehenspecht oder die Zitronengelbe Tramete profitieren zum Beispiel von dieser Schutzform. Allerdings kann die beschriebene Eigendynamik der Natur auch in unvorhergesehene Richtungen laufen. Dann kann auch das Aussterben beispielsweise einer Tier- oder Pflanzenart Teil natürlicher Prozesse sein.

Neben der vorrangigen Aufgabe des Prozessschutzes hat der Nationalpark daher auch die Aufgabe auf ausgewählten Flächen besonders seltene und geschützte Arten oder besonders wertvolle Lebensräume zu erhalten oder teilweise sogar wiederherzustellen. Die Bergheiden (Grinden) im Nationalpark entstanden zum Beispiel durch die jahrhundertelange Beweidung der Hochlagen. Heute bietet diese Kulturlandschaft vielen seltenen geschützten Arten einen Raum zum Leben und werden daher auch weiterhin bewirtschaftet. Auch für das Auerhuhn und andere geschützte Vogelarten setzen die Mitarbeitenden im Nationalpark besondere Maßnahmen um, um diese möglichst auch in Zukunft auf dem Gebiet zu erhalten

Wenn wir eine Chance haben wollen, Lösungen für globale Probleme wie Lebensraumverlust, Artensterben und Klimawandel zu entwickeln, müssen wir der Natur und ihrem Schutz mehr Platz einräumen. Aktuell erstreckt sich der Nationalpark Schwarzwald über zwei kleine Inseln auf rund 10.000 Hektar zwischen Baden-Baden und Freudenstadt. Das sind gerade einmal 0,7 Prozent der Landeswaldfläche Baden-Württembergs.

Zu den möglichen Erweiterungsflächen im Umfeld des Nationalparks gehören wertvolle schützenswerte Wälder, Missen, Moore, Blockhalden, Kare und Gewässer, die noch mehr Vielfalt der Lebensräume in den Nationalpark Schwarzwald bringen würden. Mit diesen Lebensräumen werden weitere seltene und stark gefährdete Tiere, Pflanzen und Pilze aufgenommen und das Spektrum der durch den Nationalpark dauerhaft geschützten Arten wird erhöht. Darüber hinaus ist eine großflächige, zusammenhängende Fläche für die Entfaltung natürlicher Prozesse von zentraler Bedeutung. Die ökologische Resilienz, also die Widerstandskraft des Schutzgebiets gegenüber äußeren Einflüssen, steigt. Der Nationalpark könnte dadurch seiner Funktion als Rückzugs- und Quellgebiet für seltene Wald-bewohnende Arten in Zeiten Klimawandels noch besser gerecht werden.

Die Mitarbeitenden des Nationalparks haben gemeinsam mit weiteren Expertinnen und Experten Konzepte für den Arten- und Biotopschutz, die Zonierung, die Wege, das Wildtiermanagement, die Forschung & Dokumentation sowie das Wald- und Borkenkäfermanagement ausgearbeitet. Diese Konzepte geben vor, wie das jeweilige Aufgabenfeld im täglichen Arbeitsalltag umgesetzt werden.